Deutscher Jugendliteraturpreis

 

Der Deutsche Jugendliteraturpreis wird als einziger Staatspreis für Literatur seit 1956 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gestiftet und jährlich verliehen. Ausgezeichnet werden herausragende Werke der Kinder- und Jugendliteratur.

Von Anfang an war der Deutsche Jugendliteraturpreis auch ein internationaler Preis: Eingereicht werden können neben deutschsprachigen Kinder- und Jugendbüchern genauso Titel fremdsprachiger Autoren – soweit sie ins Deutsche übersetzt wurden.

 

Eine Kritikerjury, bestehend aus neun erwachsenen Juroren, vergibt den Deutschen Jugendliteraturpreis in den Sparten Bilderbuch, Kinderbuch, Jugendbuch und Sachbuch. Parallel dazu verleiht eine unabhängige Jugendjury den Preis der Jugendjury. Sie besteht aus sechs über die Bundesrepublik verteilten Leseclubs. Die Jurys prüfen die Bücher aus der Produktion des Vorjahres und nominieren davon sechs Titel pro Sparte.

 

Natürlich findet Ihr die Preisträger bei uns in der Mediathek!


Preisträger 2017 - Preis der Jugendjury

Nur drei Worte

Becky Albertalli (Text)

Altersempfehlung des Verlages: ab 14 Jahren

Jurybegründung
Warum ist „normal“ eigentlich weiß, hetero, christlich? Das fragen sich Simon und seine Internetbekanntschaft Blue. Simon ist homosexuell. Das ist gesetzt. Wie mag sein Umfeld mit einem Outing umgehen? Und was ist mit der Welt überhaupt los, in der man sich outen muss, nur weil man homosexuell ist? Simon erzählt nachdenklich und schneidet viele Themen wie Sexualität, Herkunft, Identität, Religion und Freundschaft an. Die E-Mails zwischen ihm und Blue greifen diese auf und setzen sich doch ganz anders damit auseinander. Anonymität, dann Freundschaft und Liebe ermöglichen einen unverstellten, in jedem Fall humorreichen Schlagabtausch. Problembuch? Nein, aber auch. Liebesgeschichte? Ja, aber nicht nur. Je nach Interesse ist ein Lesen auf verschiedenen Ebenen möglich. Das Buch macht Spaß, vor allem durch die Referenzen zur Jugendkultur, wie die Liebe zu Harry Potter, die Nutzung von Tumblr und die Serien-Fandoms.
Die Autorin schafft es, mit psychologischem Feingefühl und Witz Identitätsfindung zu schildern und Normalität zu hinterfragen.
In (zweimal) nur drei Worten: Was ist normal? Alles und nichts!



Preisträger 2016 - Jugendbuch

Mädchenmeute

Kirsten Fuchs (Text)

Altersempfehlung des Verlages: ab 14 Jahren

Jurybegründung
Ein Abenteuerbuch mit weiblichen Protagonistinnen, das hat in der Jugendliteratur Seltenheitswert. Hier erleben wir sieben Mädchen, die sich bei einem Sommercamp im Wald begegnen. Doch das Camp erweist sich als dubiose Angelegenheit und die Gruppe beschließt, auf eigene Faust Abenteuerurlaub zu machen. Mit ihrer Ich-Erzählerin, der 15-jährigen Charlotte Nowak, führt Kirsten Fuchs in die Wälder des Erzgebirges, eine Kulturlandschaft mit eigenen Geschichten. Sagengestalten werden lebendig, die Mädchen erleben Grusel und reale Ängste, Gemeinschaft und Auseinandersetzungen. Fuchs erzählt ihre Geschichte dramaturgisch geschickt in einer knappen, in Bildern und Konstruktion sehr lebendigen Sprache. Ein großer Reiz des Buches liegt in der unterschiedlichen Charakterisierung der sieben Figuren. Es sind Typen, die jeder kennt, doch arbeitet die Autorin ohne gängige Rollenklischees. Und Charlotte, die anfangs schrecklich Schüchterne, wächst schließlich über sich hinaus. Selbstironie und Humor sowie mit fortschreitender Handlung auch zunehmende Reflexion gibt die Autorin ihrer Hauptfigur mit und gestaltet auch dadurch einen großartigen Spannungsbogen.
Mädchenmeute ist ein komplexes literarisches Werk mit großer erzählerischer Kraft in seiner Sprache und seinem Bildreichtum. Die Robinsonade in einer bisher unerzählten Landschaft lädt ein zum Nachdenken über viele Themen: über Freundschaft, über die eigene Rolle innerhalb einer sozialen Gruppe, darüber, was ­Freiheit ist.

 



Preisträger 2015 - Preis der Jugendjury

Letztendlich sind wir dem Universum egal

David Levithan (Text)

Aus dem Englischen von Martina Tichy

Altersempfehlung des Verlages: ab 14 Jahren

Jurybegründung

„Ich will bleiben. Ich bete darum, zu bleiben. Ich schließe die Augen und wünsche mir, zu bleiben.“ (S. 41)
David Levithan beschreibt das Leben von A. A wacht jeden Morgen in einem anderen Körper auf, mal als Junge, mal als Mädchen. Er selbst hat sich an diese Herausforderung gewöhnt. Er achtet darauf, sich nicht zu stark auf die einzelnen Leben einzulassen, keine Spuren zu hinterlassen und nicht aufzufallen.
Doch dann verliebt A sich unsterblich in Rhiannon und will mit ihr zusammen sein. Als A ihr offenbart, was mit ihm los ist, ist sie skeptisch. Kann sie jemanden lieben, dessen Schicksal es ist, jeden Tag ein anderer zu sein? Doch Rhiannon hört auf ihr Inneres, öffnet sich A und lässt sich auf den Versuch einer Beziehung ein. Diese wird durch die extremen Körperwechsel sehr kompliziert. Der Autor hat es geschafft, eine glaubwürdige und schöne Liebesgeschichte zu schreiben, die den Leser mit philosophischen Gedankenspielen zum Nachdenken anregt. So ist das Buch eine Konfrontation mit dem „Leben“ und sensibilisiert für das Gegenüber.


Preisträger 2015 - Jugendbuch

Schneeriese

Susan Kreller (Text)

Altersempfehlung des Verlages: ab 12 Jahren

Jurybegründung

Wie wird aus Freundschaft Liebe und was ist, wenn sich nur bei einem der Beteiligten die Empfindung verändert? Susan Kreller erzählt von Adrian und Stella, die als Nachbarn ihre Kindheit miteinander verbracht haben und deren Beziehung sich im Chaos der Pubertät neu ordnet. Denn Stella verliebt sich auf einmal in einen anderen Jungen, Adrian aber entdeckt, dass er Stella liebt. Wie sich die Beziehung wandelt, welche Bedeutung zuvor die Freundschaft der beiden hatte, beschreibt die Autorin mit großer Klarheit und bleibt ganz bei ihrem Protagonisten.

Wie Kay in der Schneekönigin wird Adrian erfüllt von Hass und Kälte. Intertextuelle Bezüge zu Andersens Märchen sind schon im Titel bestimmendes Gestaltungs-element dieses Romans, der von einem überaus kunstvollen Umgang mit Sprache zeugt und reich an ungewöhnlichen Metaphern und Wortschöpfungen ist. Die Figuren, auch die erwachsenen, sind plastisch und plausibel charakterisiert, vor allem aber Adrian, der Riese, der wächst und wächst. Mit ihm schafft Kreller einen „Helden“, der nicht darunter leidet, zu klein zu sein. Vielmehr ist Adrian eine Identifikationsfigur für alle, die sich in der Pubertät vom Äußeren her als zu groß empfinden, innerlich aber noch „Größe“ entwickeln müssen. Wie er diese Kämpfe letztendlich besteht, ist sehr klar und berührend geschildert.


Preisträger 2014 - Preis der Jugendjury

Wunder

Raquel J. Palacio (Text)

Aus dem Englischen von André Mumot

Altersempfehlung des Verlages: ab 12 Jahren

Jurybegründung

„Ich heiße übrigens August. Ich werde nicht beschreiben wie ich aussehe. Was immer ihr euch vorstellt – es ist schlimmer.“
Wann immer August, genannt Auggie, aus dem Haus geht, begegnen ihm entsetzte oder mitleidige Blicke. Kleine Kinder haben Angst vor ihm, man tuschelt hinter seinem Rücken. Deshalb hat er die Öffentlichkeit bisher gemieden. Doch nun, mit zehn Jahren, soll er endlich die Schule besuchen.
Auch dort begegnet man ihm mit Abscheu, niemand möchte mit ihm zu tun haben. Doch er findet zwei Freunde, Summer und Jack, auf die er sich scheinbar verlassen kann. Allerdings macht die Freundschaft mit Auggie auch diese beiden zu Außenseitern, womit sie unterschiedlich umgehen. August kämpft um Anerkennung – unterstützt von seinen neuen Freunden und seiner Familie.
Dieses Buch begeistert alle Altersgruppen. Das oft genutzte Motiv, dass es auf die inneren Werte ankommt, wird hier neu und ohne mahnenden Zeigefinger umgesetzt. Durch wechselnde Perspektiven kann der Leser nicht nur die Gefühle und Handlungen Auggies, sondern auch die seines Umfeldes verstehen. Der Leser entwickelt sich mit den sympathischen Charakteren. Die flüssige Sprache und die zahlreichen Details lassen die Geschichte persönlich und lebensnah wirken. Der Roman berührt den Leser und regt zum Nachdenken an.



Preisträger 2014 - Jugendbuch

Wie ein unsichtbares Band

Inés Garland (Text)
Aus dem Spanischen von Ilse Layer

Altersempfehlung des Verlages: ab 14 Jahren

Jurybegründung

„Ich sah sie schon von weitem, sie saß auf einem Ast, die Beine im Wasser, als hätte sie schon immer dort gesessen. Zu ihren Füßen lag noch ein Mädchen, das genauso aussah wie sie, nur aus Wasser, und beide grinsten, wie die Katze in Alice im Wunderland. Als ich näher kam, zerfloss das Mädchen aus Wasser, und das andere, das auf dem Ast saß, sprang herunter.“
(S. 10; „La vi de lejos, sentada en una rama, con los oies en el agua, como si hubiera ahí desde siempre. De sus pies brotaba otra chica idéntica, de agua, y las dos sonreían como el gato en Alicia en el Pais de las Maravillas. Cuando me acerqué, la chica de agua se rompió y la que estaba sobre la rama bajóde un salto.”)
 
Der Roman handelt im Argentinien der 1970er-Jahre. Eine erwachsene Ich-Erzählerin lässt die Ereignisse ihrer Kindheit und frühen Jugend wieder lebendig werden: Die behütete Tochter einer wohlhabenden Familie aus Buenos Aires findet in dem ländlichen Wochenend- und Feriendomizil der Eltern ihr persönliches Paradies, das sie an der Seite der beiden Nachbarskinder durchstreift. Als die drei ungleichen Freunde älter werden, geht ihre Verbundenheit verloren. Die große Gefahr, die ihren Freunden droht, erkennt die Erzählerin nicht, denn sie lebt wie unter einer Glasglocke, die sie von den sozialen und politischen Realitäten abschirmt. In dieses Leben bricht der Terror des Militärregimes – dem ihre beiden Freunde schließlich zum Opfer fallen – wie eine Naturkatastrophe hinein.
Der Roman wird weithin aus der Sicht des erlebenden Ichs erzählt, mit einem elegischen Unterton und knapp dosierten Reflexionen der erwachsenen Erzählerin. Besonders im ersten Teil besticht die fast intime Nähe zu den dargestellten Landschaften, Figuren und Ereignissen – die Erzählerin nimmt sich Zeit, um den Eindrücken ihrer Kindheit sprachlich nachzuspüren. Der so entstehende fließende Rhythmus wie auch die sinnliche Qualität ihrer Schilderungen werden in der Übersetzung sehr gut wiedergegeben. Die Landschaft am Río de la Plata bestimmt nicht nur das Kolorit der erzählten Welt, sie prägt auch die Sprache dieses Romans und bildet metaphorisch die Perspektive des erinnernden Ichs ab – die erinnerten Bilder sind unscharf wie Wasserspiegelungen und ihre Folge mäandernd wie der Lauf des Flusses.
Im zweiten, die politischen Entwicklungen thematisierenden Teil des Romans wird der Erzählton etwas distanzierter, während das Geschehen unaufhaltsam auf seinen katastrophalen Ausgang zusteuert. Auch wenn die Stimme der erwachsenen Erzählerin etwas mehr zu vernehmen ist als im ersten Teil, bleibt die Perspektive des verzweifelt um seine Liebe kämpfenden, angesichts der Übermacht von Unrecht und Gewalt zutiefst verstörten jungen Mädchens bestimmend.

Durch diese Erzählweise gewinnt der Text ein hohes Maß an Spannung und Eindringlichkeit.



Preisträger 2013 - Preis der Jugendjury

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

John Green (Text)

Aus dem Englischen von Sophie Zeitz

Altersempfehlung des Verlages: ab 13 Jahren

Jurybegründung

„Ich bin eine Bombe (...) Und deshalb halte ich mich lieber fern von allen, lese Bücher, denke nach und hänge mit euch rum, weil ich nichts dagegen machen kann, dass ich euch mit ins Unglück reiße. (…) ich kann kein normaler Teenager sein, weil ich eine Bombe bin.“
Zunächst könnte man meinen, Das Schicksal ist ein mieser Verräter sei ein deprimierendes Buch. Aber das stimmt nicht. Es ist ein Buch, das den Leser gleichzeitig zum Lachen wie zum Weinen bringt und zum Nachdenken anregt. Die ironische, fast schon sarkastische Art, wie Green die beiden Hauptpersonen, die 16-jährige Hazel und den 17-jährigen Augustus, mit ihrer Krebserkrankung umgehen lässt – jeden auf seine ganz eigene Weise –, ist bewundernswert erfrischend.
Trotz der humorvollen Herangehensweise verharmlost das Buch die Krankheit nicht. Die Geschichte wirkt authentisch, besonders durch die Beschreibung des Alltags, der geprägt ist von der Krankheit sowie von ganz normalen Sorgen Heranwachsender. Die Protagonisten wachsen dem Leser ans Herz. Und obwohl es für die meisten unvorstellbar ist, in ihrer Situation zu sein, fühlt, leidet, kämpft und liebt man mit ihnen. Am Ende versteht man, welch starke Kraft die Liebe selbst in einer ausweglos erscheinenden Situation entwickeln kann. Ein Buch, das Mut macht!



Preisträger 2013 - Jugendbuch

Abzählen

Tamta Melaschwili (Text)
Aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani

Altersempfehlung des Verlages: ab 16 Jahren

Jurybegründung
Abzählen ist ein Roman über den Krieg, in dem kein einziger Schuss fällt, und doch offenbaren sich die Schrecken in schmerzhafter Deutlichkeit, denn es geht um die so genannte Zivilbevölkerung, also die Kinder, Frauen und die Alten. Obwohl der russisch-georgische Krieg erkennbar den Erfahrungshintergrund bildet, bleibt die erzählte Welt in geografischer und historischer Hinsicht unbestimmt. In einem atemlosen, bisweilen geradezu stakkatohaften Rhythmus schildert der Roman drei Tage im Leben zweier 13-jähriger Mädchen, und lässt sie als Erzählstimmen zu Wort kommen.
Die Aufregungen der Pubertät und die Schrecken des Krieges liegen in diesem Text nah beieinander. Während Mütter um ihre gefallenen Söhne trauern, flirten die Mädchen mit Wachposten und probieren die ersten Zigaretten. Materielle Not treibt die Freundinnen zu immer gefährlicheren Abenteuern, bis sie irgendwann Drogen in Pilzkörben schmuggeln.
Der Roman wird im Präsens erzählt und vorwiegend in wörtlicher Rede, ohne Anführungszeichen und durch extrem verknappte Inquitformeln eingeleitet („sagt Ninzo:“; „sage ich:“). Dass die eigentliche Erzählinstanz, das „Ich“ des Textes, den Erzählzeitraum nicht überlebt hat, erfährt der Leser erst am Ende.
Vom Ende der Erzählung her wird auch die zeitliche Abfolge des Geschehens verständlich. Es ist eine Geschichte, die auf ein schreckliches Ereignis hin erzählt wird. Die Kapitel bilden kein zeitliches Kontinuum, sie sind eher wie Motivketten strukturiert, lassen Szenen Gestalt annehmen, so wie sie in der Erinnerung oder einem Traum aufblitzen könnten, isoliert und erst nachträglich in eine zeitliche Ordnung gebracht.
Diese Erzählweise ist weit davon entfernt, den Leser oder die Leserin emotional zu überrumpeln. Vielmehr ermöglicht sie Teilhabe an der Rekonstruktion von Vorkommnissen, die konventionelle Sprache und konventionelles Erzählen gar nicht abbilden könnten. Sie entwirft ein Gegenmodell zum allabendlichen Abstumpfungsritual der Fernsehberichterstattung.
Ein Romandebüt von großer emotionaler Wucht und verstörender Authentizität, dem man, obwohl es nicht ausdrücklich an junge Leser adressiert ist, eine intensive Rezeption im jugendliterarischen Kontext wünschen möchte.



Preisträger 2012 - Preis der Jugendjury

Sieben Minuten nach Mitternacht

Patrick Ness (Text)
Jim Kay (Illustration)
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell

Altersempfehlung des Verlages:  ab 11 Jahren

Jurybegründung
"Das Monster tauchte kurz nach Mitternacht auf. Wie das bei Monstern eben üblich ist.“
Der 13-jährige Conor O'Malley hat keine Angst vor dem Monster. Er fürchtet sich vielmehr vor dem Alptraum, den er in letzter Zeit ziemlich oft träumt...
Conors Mutter ist krank. Als sie wieder ins Krankenhaus muss, soll Conor so lange bei seiner Großmutter wohnen. Doch er will nicht, dass sie ihm hilft. Er will nicht, dass ihm überhaupt jemand hilft. Auch nicht das Monster, das ihm drei Geschichten vom wahren Leben erzählt. Bis es ihn auffordert, eine eigene, vierte Geschichte zu erzählen und die Wahrheit endlich auszusprechen.
Sieben Minuten nach Mitternacht ist ein unglaublich beeindruckendes Buch. Es handelt von der Verschlossenheit und Zerbrechlichkeit eines Jungen, der einen möglichen Verlust nicht akzeptieren will. Patrick Ness erschafft mächtige sprachliche Bilder, wie das Monster, und Jim Kay liefert wundervolle Illustrationen. Dadurch entsteht eine perfekte Atmosphäre und Umgebung für diese traurige, berührende, teilweise aber auch unterhaltsame Geschichte.



Preisträger 2012 - Jugendbuch

Es war einmal Indianerland

Nils Mohl (Text)

Altersempfehlung des Verlages: ab 16 Jahren

Jurybegründung
Der Ich-Erzähler versetzt den Leser in die Tristesse einer fiktiven Hamburger Vorstadt-Siedlung: Ein Mitbewohner des schäbigen Mietshauses hat seine Frau getötet und zwei Tage neben der Leiche kampiert, bevor er von seinem Sohn, Mauser, gefunden wurde. Dass dieser eins ist mit dem Ich-Erzähler, erschließt sich dem Leser erst spät. Am Ende werden sich diese vorgeblich zwei Figuren in einer Engführung der Erzählung zu einer Einheit ineinander schieben. Doch vorher müssen knapp zwei ereignisreiche Wochen vergehen.

Für die Zeichnung des Ich-Erzählers wählt Mohl die assoziationsreiche Figur des Boxers mit ihren Topoi vom ehrlichen, harten Kämpfer mit Herz. Er steht zwischen zwei Frauen, nämlich zwischen der verwöhnt-reichen Jackie, rein äußerlich seine Traumfrau, Affären nicht abgeneigt, aber zur Liebe wahrscheinlich gar nicht fähig, und der bodenständigen, füllig-sinnlichen Edda. Sie ist es, die die Kalamitäten der Adoleszenz auf den Punkt bringt: „Du bist 17, es ist dein Recht, dich von der Welt nicht verstanden zu fühlen.“

Mohls in raffinierten Zeitsprüngen konstruierte Erzählung lebt unter anderem von dem konzisen Einsatz filmischer Gestaltungsmittel, wie schnelle Schnitte, Vor- und Rückblenden – typographisch mit den Zeichen für die Vor- und Rückspultasten von DVD-Playern markiert –, die den Leser immer wieder in einen anderen Kontext katapultieren. Die gesamte Handlung in ihrer chronologischen Abfolge fügt sich erst am Ende des Romans zu einem vollständigen Bild. Das ist literarisch anspruchsvoll und verlangt genaues Lesen.

Auch die Sprache des Romans will genau erfasst werden: Mohl versteht es, Ellipsen und Parataxen an den richtigen Stellen mit Nebensatzkonstruktionen zu versehen. Ausgiebig nutzt er Parenthesen und Einschübe für eine zweite Textebene, die man zum einen wie Drehbuch-anweisungen lesen kann oder die ein anderes Mal der Atmosphäre erst ihre gänzliche Fülle verleihen. Dabei erweist sich Mohl als ein Meister des Erzählens für alle Sinne: Der Leser riecht das Chlor des Schwimmbades, empfindet die drückende Hitze eines wolkenlosen Sonnentages, sieht die Stadtansichten leibhaftig vor sich, hört den Lärm eines Open-Air-Festivals mit seinen unterschiedlichen Geräuschkulissen am Tag und in der Nacht. Viel zum dichten Flair des Romans trägt der kreative Umgang mit sprachlichen Bildern und Vergleichen bei, die Eskalation bekannter Redewendungen wenn zum Beispiel aus regnenden Katzen und Hunden Säbelzahntiger und Dobermänner werden, und schließlich der sichere Einsatz von filmischen Motiven aus Western und Indianerfilmen.

Es war einmal Indianerland ist ein kunstvoll gebauter Roman, der mit seinen zahlreichen Neologismen auch sprachlich innovativ und überzeugend ist. Er bietet dem Leser eine neue und aufregende Variante aus Bildungsroman und Liebesgeschichte. Mohl gelingt es, anspruchsvolles literarisches Erzählen thematisch dicht bei seinen jugendlichen Lesern zu realisieren – und das mit viel Herz und Ohr für seine Adressaten.



Preisträger 2011 - Preis der Jugendjury

Erebos

Ursula Poznanski (Text)

Altersempfehlung des Verlages: ab 11 Jahren

Jurybegründung

Nick liebt Computerspiele. Das momentan beliebteste Spiel an seiner Schule ist Erebos. Als fiktive Spielfigur taucht Nick völlig in die virtuelle Phantasiewelt ein. Doch Erebos ist nicht nur ein Spiel. Erebos befiehlt Jugendlichen, Aufträge in der Realität zu erfüllen und einander zu überwachen. Erebos hat ein Ziel: Es will töten.
Der Leser begleitet Nick in die Welt von Erebos und erlebt, wie leicht ein Spiel manipulieren und einen selbst von Grund auf verändern kann. Es gibt viele Geheimnisse um Erebos, die dem Leser Spannung bis zur letzten Seite versprechen. Gebannt verfolgt man die Entwicklung des Protagonisten und rätselt mit ihm, wer hinter welcher Spielfigur steckt und welchen größeren Sinn seine Aufträge haben. Erebos begeistert durch seine geniale und detailreiche Ausarbeitung und die aktuelle Thematik. Der Einfluss von Medien auf Jugendliche stellt den Leser nicht zuletzt vor die Frage, wie weit er selbst für ein Spiel gehen würde.

 



Preisträger 2011 - Jugendbuch

Tschick

Wolfgang Herrndorf (Text)

Altersempfehlung des Verlages: ab 13 Jahren

Jurybegründung

Es gibt sie tatsächlich: die sprichwörtliche Walachei. Dorthin unterwegs: zwei Jungs, beide aus verschiedenen Gründen Außenseiter, beide 14 Jahre alt. Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow: Ein russischer Migrant, klug, aber schweigsam im Unterricht, erscheint schon mal alkoholisiert in der Schule. Maik Klingenberg, kein Spitzname: Vater nahezu bankrotter Geschäftsmann mit Geliebter, Mutter zwischen Entzugsklinik und Tennisplatz lebend. Und hoffnungslos verliebt in Tatjana Cosic, die „super“ aussieht und ein Meter 65 groß ist, wie Maik durch die Schuluntersuchung weiß.
 
Tschick und Maik schnappen sich eines Abends einen alten Lada und fahren los. Mit Tempo und Witz begleitet der Autor seine Figuren auf ihrer Reise durch die deutsche Provinz, ohne auch nur eine Sekunde aus den Augen zu verlieren, dass Tschick und Maik tatsächlich erst 14 sind. Seine scharfe Beobachtungsgabe, seine geistreichen Schilderungen von Menschen, Szenen und Begegnungen sowie sein Faible für skurrile Situationen übergibt Herrndorf dem Ich-Erzähler Maik, der im Rückblick von diesem Abenteuer berichtet.
 
Bei der erneuten Lektüre der Lieblingsbücher seiner Kindheit fielen Herrndorf deren Erfolgs-kriterien auf: Die Erwachsenen werden möglichst rasch aus der Geschichte verbannt, jugendliche Helden brechen zu einer großen Reise auf und die geht raus aufs Wasser. Das schien ihm, so Herrndorf während einer Lesung, „ein gutes Konzept für ein Jugendbuch zu sein“. Und auch wenn das Wasser den Straßen Ostdeutschlands weichen musste und die Dampfer zu einem Lada wurden, ist das Konzept aufgegangen: Tom Sawyer alias Maik und Huckleberry Finn alias Tschick gehen auf große Fahrt. Sie sind aber eben erst 14 und das stellt sie immer wieder, wie beispielsweise vor einer Autobahnfahrt, vor die Frage: Wie kann man erwachsen wirken, falls ein vorbeirauschender Fahrer ins Wageninnere blickt? Ein Hitlerbärtchen? Das sollte, so denken die beiden, in Ostdeutschland kein Problem darstellen. Solche Formen bittersüßer Ironie beherrscht der Autor auf virtuose Weise.
 
Ebenso großartig wie Maik und Tschick sind die anderen Figuren dieses Roadmovies mit starken Charakteren ausgestattet. Man sieht sie wie im Kino lebendig vor sich, wie überhaupt der ganze Roman sehr filmisch erzählt ist: Horst Fricke, „der beste Schütze seiner Einheit“, Isa, das schmutzige Mädchen, das so gut singen kann, die Sprachtherapeutin, die wie der Teufel Auto fährt, um Tschick ins Krankenhaus zu bringen und sogar noch der vom nächtlichen Anruf Maiks aus dem Krankenhaus geweckte Mann, der nach kurzer Zeit versteht, welche Finte sich Maik für die Krankenschwester ersonnen hat, damit die nicht seine Eltern anruft. Von all diesen Begegnungen nehmen Maik und Tschick etwas mit. Ihr Erfahrungskoffer ist prall gefüllt, als ihre Reise jäh endet.
 
Tschick ist ein Abenteuer- und auch ein Bildungsroman, mit dem Herrndorf die Modernisierung seiner Kindheitslektüren perfekt gelungen ist. Das feine Gespür des Autors für jugendrelevante Themen, komische Dialoge, der jugendlich-authentische Erzählton und der bis zum filmreifen Finale konsequent durchgehaltene Spannungsbogen machen den Roman herausragend.


Preisträger 2010 - Preis der Jugendjury

Die Tribute von Panem

Suzanne Collins (Text)
Tödliche Spiele
Aus dem Englischen von Sylke Hachmeister und Peter Klöss

Altersempfehlung des Verlages: ab 14 Jahren

Jurybegründung

Jedes Jahr in der Arena von Panem: ein Kampf um Leben und Tod. 12 Mädchen. 12 Jungen. Nur einer darf überleben. Gebannt beobachtet das Volk alles auf den Bildschirmen. Die Wetten laufen.
Einfach aber packend erzählt Suzanne Collins in ihrem Roman eine dramatische Liebesgeschichte zwischen Katniss und Peeta, die sich in der Arena gegenüberstehen. Durch die Ich-Perspektive identifiziert sich der Leser mit der weiblichen Hauptfigur. Weder sie noch der Leser wissen, welche Rolle sie in der fiktiven Gesellschaft einnimmt oder einnehmen sollte. Brandaktuelle Fragen entflammen im Kopf des Lesers: Wie abhängig bin ich in der Mediengesellschaft von meinem Bild in der Öffentlichkeit? Wie kann ich ich selbst bleiben ohne mich im Surrealen zu verlieren? Wie erschreckend ähnlich ist die fiktive Gesellschaft Panems schon der unseren? Am Ende weiß keiner, welche Auswirkungen die „gespielte“ Liebesgeschichte haben wird und welche Auswirkungen die Medien auf unsere Zukunft haben werden.